Vyasa - Der Weltenguru
0 Comments Published by Madhukar Organisation on Donnerstag, 2. Juli 2009 at 08:59.
Der Name Vyasa ist in Indien hochberühmt. Eines der grössten Feste des Jahres, die Vyasapuja (Verehrung Vyasa) ist ihm geweiht. Da wird Vyasa in jedem Haus, wo noch die alte Sitte herrscht, als der Weltenlehrer, der Weltenguru verehrt. Vyasa gilt als der Ordner der vier Veden und als Verfasser des ungeheuren Epos Mahabaratam, zu dem als kleines Zwischenstück bekanntlich die Bhagavadgita gehört. Er gilt auch als Urheber der Puranas und der Brahma-Sutras.Im Bhagavatam wird berichtet, dass Vyasa am Ufer eines reissenden Bergstroms im Himalaya sass. Der Fluss wird in der Erzählung Sarasvati genannt, das bedeutet: Weisheitsstrom. Der alte Mann blickte vergrämt in die Wellen des Stromes der göttlichen Weisheit. Da kam ein Wanderer des Wegs. Sein Name war Narada.
Die Gestalt des Narada hat die indische Volksseele viel beschäftigt. In Upanishaden und Puranas taucht seine Gestalt auf. Es heisst von ihm, dass er immerdar lebt als ein ewig Junger zu jeder Weltenzeit. In den Rasa der Gottesliebe versunken, spielt er auf seiner Laute, deren Ton in den Menschenherzen die unverhüllte göttliche Liebe erweckt. Er durchwandert alle Welten und sucht Wesen die würdig sind, das grösste Kleinod, das es gibt, den Schatz der Gottesliebe zu empfangen.
Dieser Narada tritt auf Vyasa zu, so erzählt das Bhagavatam, und fragt ihn: "Warum bist du so traurig?" Und Vyasa, der grosse Yogi, der unendliche Weisheit besitzt, antwortet: "Ich habe
keinen Frieden erlangt." Voll Demut bittet er:"Du, der du wie die Sonne rings um die
drei Welten wanderst,
der du wie der grosse Atman,
der innere Zeuge, alles erschaust,
o weise mir auf,
was niedrig und schmutzig in mir ist,
der ich doch immerdar bade
in dem höchsten Brahman."
(Bhagavatam 1,5,7)
"Du hast deshalb keinen Frieden erlangt", erwidert Narada, "weil du in deinen herrlichen Werken zwar sehr viel über Weisheit und Yoga und Gesetz, aber nicht genug von Bhakti und der Schönheit und Liebe Bhagavans erzählt hast." Narada gibt dem grossen Seher den Rat, noch ein Werk zu verfassen, das vor allem die Lila Krishnas besinge.
In dem darauf folgenden Gespräch, das im ersten Buch des Bhagavatam wiedergegeben wird, enthüllt sich der Lebenslauf des Bhaktas Narada, wobei sich seine Lebensgeschichte nicht nur durch ein Erdendasein, sondern durch mehrere aufeinanderfolgende Erdenleben erstreckt, so wie es der indischen Weltanschauung entspricht.
Narada berichtet dem Vyasa, dass er in einem früheren Leben als Sohn einer armen Magd aufgewachsen war. Einmal, am Beginn der grossen Regen, suchten einige Gottgeweihte in der Hütte seiner Mutter Schutz und verblieben mehrere Monate unter diesem Dach. Dem Knaben war es vergönnt, mit diesen Bhaktas zusammen zu leben. Er durfte ihnen in mannigfaltiger Weise dienen. Er durfte ihren gotterfüllten Gesprächen lauschen, er durfte lauschen, wenn sie täglich gemeinsam in freudiger Hingabe den Gottesnamen sangen. Er durfte ihnen die Speisen auftragen und war Zeuge, wie die Gäste vor Beginn jeder Mahlzeit das karge Gericht mit der Liebe wahrer Bhaktas Bhagavan als Opfer hinreichten. Erst nachdem sie die Speise Gott dargebracht und als Gabe Bhagavans zurückempfangen hatten, nahmen sie die Nahrung als göttliche Gnade (prasåda) andächtig zu sich.
Und dem Knaben ward die grosse Gunst zuteil, sich von den Überbleibseln solcher geheiligter Opfermahlzeiten nähren zu dürfen.Als die Gäste am Ende der Regenzeit die Hütte verlassen hatten und die Mutter bald darauf an einem Schlangenbiss gestorben war, machte sich auch der Knabe auf den Weg. Der Junge wanderte durch dichten menschenleeren Wald, tiefer und tiefer in eine innere Welt hinein. Dann setzte er sich unter einem Feigenbaum hin und meditierte, so wie er es von den Bhaktas gelernt hatte. "Er meditierte in seinem Atman über den in seinem Atman stehenden grossen Atman über Bhagavan den Unausdenkbaren." Demütig lauschte Vyasa, der grosse Weise, während Narada in seinem Bericht fortfährt:
"Während ich über SeineLotosfüsse meditierte
und mein Geist von Liebe völlig
überwältigt war, und meine
Augen in grosser Sehnsucht
von Tränen überschwemmt
waren,
erschien in meinem Herzen
langsam HARI, Gott.
Fast zerbrach ich unter der Last
unermesslicher Liebe,
alles Haar auf meinem Leib war gesträubt.
Ich schmolz hin
in die Flut der göttlichen Wonne.
Plötzlich sah ich nicht mehr ...
Ich sah nicht mehr
jene Gestalt Bhagavans,
die alles Leid wegnehmende.
Ich mühte mich ab
in der Verwirrung meiner Pein.
In meinem Begehren, Ihn zu sehen,
versenkte ich wieder meinen Geist in mein Herz
und sah aus nach Ihm.
Aber ich sah Ihn nicht.
Tief enttäsucht war ich,
wie ein von Krankheit Überkommener."
(Bhagavatam 1,6,17 - 20)
Tief enttäsucht war ich,
wie ein von Krankheit Überkommener."
(Bhagavatam 1,6,17 - 20)
Die Worte des Bhaktas Narada lassen Vyasa, den Weisesten aller Weisen, eine ganz neue Erfahrung machen, und er ahnt, was er trotz aller seiner Weisheit bisher entbehrt hat: Die spontane Gottesliebe. Narada berichtet weiter:
"Zu mir, der so sich mühte in der Einsamkeit,
sprach Er, der über der Reichweite aller Sprache ist,
mit unergründlich tiefer und doch milder Stimme,
als ob Er meinen Gram besänftigen wollte:
'Ach, in diesem Leib bist du nicht fähig,
Mich zu schauen.
Den unreifen, unlauteren, schlechten Yogis
bin Ich nicht erschaubar.
Weil du es aber in deiner Liebe begehrt hast,
hab Ich dir dieses eine Mal
Meine Gestalt offenbart, —
Langsam lässt solche Liebe zu Mir
alle Finsternis im Herzen dahinschwinden.
Durch kurzen Dienst für die Seienden
entstand in dir tiefe Hinneigung zu Mir.
Du wirst abwerfen diesen verweslichen Leib
und zu Meinen Gefährten gehören.
Dein Geist wird in Mir gegründet sein.
Nirgendwohin wirst du abirren können.
Während Weltschöpfung und Weltzerstörung
wirst du die Erinnerung nicht verlieren,
(wirst du liebend Meine Gegenwart fühlen),
weil die Kraft Meiner Gnade dich ergreift.'"
(Bhagavatam 1,6,21 - 25)
sprach Er, der über der Reichweite aller Sprache ist,
mit unergründlich tiefer und doch milder Stimme,
als ob Er meinen Gram besänftigen wollte:
'Ach, in diesem Leib bist du nicht fähig,
Mich zu schauen.
Den unreifen, unlauteren, schlechten Yogis
bin Ich nicht erschaubar.
Weil du es aber in deiner Liebe begehrt hast,
hab Ich dir dieses eine Mal
Meine Gestalt offenbart, —
Langsam lässt solche Liebe zu Mir
alle Finsternis im Herzen dahinschwinden.
Durch kurzen Dienst für die Seienden
entstand in dir tiefe Hinneigung zu Mir.
Du wirst abwerfen diesen verweslichen Leib
und zu Meinen Gefährten gehören.
Dein Geist wird in Mir gegründet sein.
Nirgendwohin wirst du abirren können.
Während Weltschöpfung und Weltzerstörung
wirst du die Erinnerung nicht verlieren,
(wirst du liebend Meine Gegenwart fühlen),
weil die Kraft Meiner Gnade dich ergreift.'"
(Bhagavatam 1,6,21 - 25)

Narada berichtet dem Vyasa noch, dass alles geschah, wie ihm von Gott verkündet worden war. Der Knabe wanderte durch die Welt, die wunderbaren Namen Gottes singend und der Stunde des Todes entgegenharrend. Und bald warf er seinen Leib ab, leicht und sanft. Und dann ward er, der in einem noch früheren Leben wegen eines Vergehens gestürzt war und in dem geschilderten Lebensweg als ein Junge aus niedriger Kaste früh verstorben war, in einem dritten Leben, am Morgen eines neu entstehenden Weltalls, als geistiger Sohn des Weltschöpfers Brahma wiedergeboren. [...]
Im Bhagavatam wird berichtet, dass Narada voll Barmherzigkeit dem vergrämten Vyasa die Kraft der Gottesliebe schenkte. Er gab an ihn die sogenannten vier Urstrophen des Bhagavatam weiter, die er selbst von seinem Vater Brahma, dem Weltenbildner, erhalten hatte. Diese Urstrophen hatten Brahma Kraft gegeben, sein hartes Werk zu tun und nach Gottes Plan unser Weltall zu bauen. Nun gaben die gleichen Urstrophen dem Vyasa die Kraft, das von Narada geforderte, gottgeweihte Werk, das Shrimad Bhagavatam, mit allen Rasawogen in seiner Seele aufleuchten zu lassen.[...]
Vyasa, dem die Tradition die Autorschaft der Veden, Upanishaden, Puranas, Brahma-Sutras, des gewaltigen Epos Mahabharatam, samt der Bhagavadgita und auch des Bhagavatam zuschreibt, ist nicht der Name einer Person. Die Bezeichnung Vyasa ist der Name eines Amtes. So wie nach jeder Weltauflösung ein Brahma das kosmische Amt ausübt, ein neues Weltall zu bilden, so übt in jedem neuen Weltenlauf ein Vyasa gemeinsam mit seinen Mithelfern das erhabene Amt aus, den Veda neu zu vernehmen, immer tiefere Schichten des ewigen göttlichen Wortes (Íabdabrahma) zu erlauschen und an seine Mitwelt, entsprechend deren Fassungskraft, weiterzugeben.Von dem Wort, dem "heiligen Wissen" oder Veda, wird gesagt, dass es ungetrennt von Gott ist und dass es all-durchdringend und all-erfüllend ist wie Gott selbst. Dieses Wort ertönt, ob eine Welt ist oder keine Welt ist. Der Pfad der vedischen Offenbarung ist ein Pfad des inneren Hörens (Írauta-panthå). Es wurde schon darauf hingewiesen, dass Veda auch Íruti genannt wird, das heisst: (inneres) Hören, Ohr, Ton, Wort. Es ist ein Hören, ein Vernehmen, das gleichzeitig Schauen ist.
Die westliche Religionswissenschaft spricht von einem vedischen Schrifttum und von einer historischen Entwicklung dieses vedischen Schrifttums. Für manche Gruppen orthodoxer Brahmanen ist der Veda auf die Sammlungen des Rigveda, Samaveda, Yajurveda, Atharvaveda beschränkt. Manche indische Traditionsfolgen, unter anderem auch die Chaitanya-Bhaktas, haben jedoch eine viel grosszügigere Auffassung vom Veda. Jede wesenhafte göttliche Offenbarung wird von ihnen als zum Veda gehörig angesehen; nicht nur die Offenbarungen der Urvergangenheit, sondern auch spätere Offenbarungen und Offenbarungen, die in fernster Zukunft einmal erfolgen mögen, sind in diesem Sinne Veda.

Auch das Wort des wahrhaften Gurus, der das ewige Wort vernimmt und darin lebt, wird nach dieser Anschauung als Veda betrachtet und geehrt. Der Veda ist nach dieser Auffassung auch keineswegs auf Offenbarungen beschränkt, die in Indien erfolgen; jede echte Offenbarung des Unvergänglichen zu allen Zeiten und bei allen Völkern wird von diesen indischen Weisen und Gottgeweihten als Veda anerkannt.
Aber die göttliche Offenbarung hat vielerlei Grade der Klarheit. Klarheit und Getrübtheit der Schauung und des Hörens hängen ab von der Art der liebenden Hingabe, der restlosen oder noch nicht restlosen Hingabe an die Gottheit. Der Überlieferung der Bhakti gemäss, hat Vyasa für die Gottabgewandten, die eigensüchtig dem Weltgenuss zugewandten Menschenseelen, zuerst den Werkteil des Veda, den Karma-Kanda, offenbart, die vielen hundert Hymnen an die Devas, an die Lenker der Naturkräfte, welche Regen und Reichtum und Nachkommenschaft und Gesundheit und Erdenglück schenken, auch Glück in einer jenseitigen Welt. Der Werkteil des Veda — aber auch die Werkteile in den heiligen Urkunden anderer Bekenntnisse — verkünden eine lohnbringende Religion. Wie Brunnen aus der Tiefe bricht es freilich in manchen Hymnen des Rigveda auf: Weisheit vom Unvergänglichen, Kunde von dem EINEN. Im sogenannten Weisheitsteil des Veda , vollends in den Upanishaden, ward eine tiefere Schicht des göttlichen Wortes erlauscht und an jene ausgegeben, welche die Wahrheit wissen wollen. Es ist die Weisheit vom ATMAN; vom Brahman.
Auf den vorstehenden Seiten wurde, der Tradition der Bhakti folgend, dargestellt, dass Vyasa unzufrieden und vergrämt war auch mit dieser Offenbarung; und dass er, durch Narada mit der Kraft der Bhakti gestärkt, noch tiefer hineinlauschte in den innersten Grund des ewig
ertönenden WORTES, in das Leben der göttlichen Liebe; und dass er nun vermochte, das Bhagavatam zu erlauschen und zu offenbaren, das Millionen von Menschen in Indien als Essenz des Veda gilt.Als das Dunkel des finsteren Zeitalters der Zwietracht die Welt zu umhüllen begann, wurde nach dieser Auffassung die leuchtendste und wunderbarste Offenbarung ausgegeben.
Die Krishna-Bhakti lehrt: Das Bhagavatam ist genau so wie Gott ewiglich da. Und immerdar tönt es, freilich nicht mit irdischen Ohren vernehmbar. Ob und in welcher Klarheit die Offenbarung vernommen wird, liegt nicht an dem Wort, sondern das liegt an der Art der Empfangsorgane, das hängt ab vom Grad der Gottabgewandtheit oder Gottzugewandtheit der Menschenseele und wie dicht der Wolkenschleier der Maya ist, der die Seele bedeckt.
Immerdar leuchtet die Sonne. [...]
(aus: Vama Das, Die indische Gottesliebe)
Labels: Guru-Purnima-2009
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